So viel Wasser

Eine Quiddje entdeckt Hamburg

So viel Wasser Allgemein Kontraste in Wilhelmsburg

Kontraste in Wilhelmsburg



In einem Roman, den ich gerade lese – Malte Borsdorf: Flutgebiet – geht es um die große Hamburger Sturmflut von 1962 und die Familie, von der das Buch erzählt, lebt in Wilhelmsburg, wo die Flut am schlimmsten gewütet hat. Die Wohnung der Familie ist eng, das Klo ist im Treppenhaus, das Kind schläft im Wandschrank. Der Vater arbeitet im Hafen, die Mutter in der Kneipe. Viele Hafenarbeiter lebten damals  auf der Elbinsel zwischen Norderelbe und Süderelbe.

Wilhelmsburg hat sich gewandelt seit damals. Schick ist es bis heute nicht geworden, aber ziemlich lebendig und ziemlich multikulturell.

Ich begann meine Tour durch Wilhelmsburg mit der Wilden 13. Das ist auf der Elbinsel keine Piratenbande, sondern eine Buslinie. Sie verkehrt in einem weiten Bogen vom S-Bahnhof Veddel am Deich entlang ins Reiherstiegviertel, zum Krankenhaus, zum Rathaus, zum Inselpark, zum S-Bahnhof Wilhelmsburg und weiter zur Großwohnsiedlung Kirchdorf Süd. Sie stellt wohl das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel auf der Insel dar. Im Bus sitzen vor allem Wilhelmsburger, Einheimische. Eine stämmige Afrikanerin in einem leuchtend blauen langen Gewand und einem Turban auf dem Kopf mit zwei Kindern. Ein schlaksiger Rastamann im Jamaika-Look mit einem Jungen in grünem Fussball-Dress. Türkische Hausfrauen mit Einkaufstüten. Viele junge Menschen, mit und ohne Migrationshintergrund. Zwei Paare mit Rucksäcken, Ausflügler wie ich.  
Es war eine gute Idee, zuerst mit dem Bus zu fahren. So habe ich bereits erste Eindrücke und kann meine anschließende Tour zu Fuß besser planen.

Auf dem Deich hat man Blick über den Spreehafen, ein Hafenbecken, das Teil des Freihafens ist und noch vor wenigen Jahren mit einem Zollzaun abgeriegelt war. Jetzt führt ein Radweg am Ufer entlang, wo alte Boote mit neuen Verwendungszwecken im Wasser liegen. In der Ferne sieht man hinter einer Armee von Kränen die Elbphilharmonie und den Michel. Ein skurriles Bild. Als ob die beiden heimlich einen Ausflug unternehmen, weil sie ja gerade nichts anderes zu tun haben, aber nicht gesehen werden wollen, weil sie in der Skyline eigentlich einen anderen Platz haben.

Auf dem Vogelhüttendeich, der kein Deich, sondern eine Straße ist, stehen angeschmuddelte Gründerzeithäuser zwischen Autowerkstätten und Kneipen, die Kulturverein heißen. Viele Kulturen haben hier ihren Kulturverein.

Am Stübenplatz ist Markt. Ich komme mal wieder zu spät, er wird bereits abgebaut. Als ich mit dem Bus vorbeigefahren bin, war das Marktgeschehen noch im Gange und es wirkte nicht wie ein klassischer Hamburger Wochenmarkt, sondern eher afrikanisch oder orientalisch, trubelig und wuselig. Wiederkommen, früher.

Die Veringstraße, die sich vom Stübenplatz Richtung Süden zieht, ist das Herz des Reiherstiegviertels. Hier gibt es Dönerbuden, türkische, portugiesische und sonstige Cafés, türkische Gemüseläden, balkanische Lebensmittelgeschäfte, einen afrikanischen Handyladen, zahlreiche Kioske und ein Postamt mit Postbank, wo man in sechs Sprachen ein Konto eröffnen kann. Wilhelmsburger Multikulti.

Ich verlasse die Busstrecke und biege in die Neuhöfer Straße ab, zum Energiebunker. In diesem ehemaligen Bunker aus dem zweiten Weltkrieg wird heute Ökostrom produziert. Es gibt eine Aussichtsterasse mit vielgerühmten Weitblick und dem Café Vju. Mir ist es an diesem Tag zu heiß, um aufs Dach zu steigen. Nächstes Mal. Wiederkommen muss ich ja ohnehin.

Um zum Rathaus und in den Inselpark zu kommen, nutze ich wieder den Bus. Das Wilhelmsburger Rathaus ist ein Gründerzeitbau in rot und direkt dahinter beginnt der Inselpark. Er entstand anlässlich der internationalen Gartenschau 2013. Definitiv ein Hauptgewinn für die Elbinsel. Durchzogen von Teichen und Kanälen ist der Park eine wirkliche Oase mit alten Bäumen, gestalteten Gärten, Spiel- und Sportplätzen und Spazierwegen. Auch eine Kleingartenanlage gehört zum Park. Dort hat man nicht einfach ein Stückchen Grün und eine Hütte. Häuschen mit Veranden und kunstvoll gestylten Vorgärten stehen an den mit üppigen Blumenbeeten gesäumten breiten Wegen, die Blumennamen tragen. Ich stelle mir Kutschen vor, aus denen Damen in Atlasseide und kunstvollen Hüten und Herren mit Frack und Zylinder steigen.

Zwischen der Kleingartenanlage und dem S-Bahnhof liegt ein markanter, bunter, wellenförmiger Gebäudekomplex, die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen. Wie auch der Energiebunger ein Projekt der internationalen Bauausstellung, die 2006-2013 in Hamburg stattfand.

Am S-Bahnhof Wilhelmsburg beende ich meine Tour und nehme als letzten Eindruck mit, dass Wilhelmsburg ein ziemlich interessantes und vielfältiges Viertel ist, aber keines, in dem ich leben wollte. Die Vorstellung, abends alleine mit der Bahn hier anzukommen, schreckt mich ab. Der Bahnhof steht zwischen einem Einkaufszentrum und der B75, die hier als Schnellstraße zur Autobahn führt und stellt einen krassen Gegensatz zu den strahlenden Neubauten nebenan dar. Er wirkt auf mich einfach schäbig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

TopBack to Top
RSS
Follow by Email
Facebook
Pinterest