So viel Wasser

Eine Quiddje entdeckt Hamburg

So viel Wasser Allgemein,Persönlich Notizen aus dem Ausnahmezustand

Notizen aus dem Ausnahmezustand



Ein eher persönlicher Text.

Das öffentliche Leben steht mittlerweile ziemlich still hier in Hamburg. Wie anderswo auch. Seit Montag sind Schulen und Kitas geschlossen, Versammlungen und Veranstaltungen verboten. Am Dienstag folgte die Schließung vieler Geschäfte. Busse und Bahnen fahren noch, sind aber ziemlich leer. Ich bin in der glücklichen Lage, bequem und gefühlt sicher im Homeoffice sitzen zu können, wo ich das gleiche tue, wie sonst im Büro. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich den Ernst der Lage verstanden habe. Ich musste erst mit eigenen Augen leere Regale in Supermärkten sehen, mit dem Zug eine nicht vermeidbare Reise durch halb Deutschland unternehmen und ich musste erst bei Menschen in meinem Umfeld blanke Angst wahrnehmen.

Heute ist Samstag und ich gehe samstags normalerweise gemütlich und ausgiebig einkaufen. Kann man das nun tun, in Zeiten von social distancing? Gemütlich und ausgiebig einkaufen gehen? Als wäre alles normal? Ich wäre nicht verhungert, wenn ich heute nicht eingekauft hätte. Es war ein Bedürfnis, ein bisschen Normalität zu erhalten. Und zugegeben, auch ein Hauch Neugier.
Als ich das Haus verlies, begegnete mir eine Nachbarin mit einer Packung Klopapier in der Hand. „Es gibt heute Klopapier bei Edeka“, rief sie mir zu. „Aber nur eine Packung pro Person. Beeilen Sie sich, ist bestimmt schnell weg.“ Ich bedankte mich, ging nicht zu Edeka, sondern brach auf nach Eimsbüttel. Zu Fuß. Den Bus wollte ich nicht nehmen und mein Fahrrad braucht eine Reparatur. Aber Hamburg hatte blauen Himmel aufgespannt und die Luft war klar und frisch. Gute Bedingungen für einen Spaziergang.

Zuerst zum Teeladen auf der Osterstraße. In dem schmalen Geschäft steht direkt hinter der Tür eine Tafel mit der Aufschrift „Wartebereich“. Immer nur eine Person darf zum Tresen. Die Verkäuferin gab genaue Anweisungen. Wann man durchgehen darf, wo man das Geld hinlegen soll. Das fand ich gut. Hilft gegen die Unsicherheit.
Der Wochenmarkt zeigte sich ausgedünnt. Schlange stehen funktioniert wie gewohnt, nur eben mit Abstand. Die Händler tragen teilweise Mundschutz, fast alle Gummihandschuhe. Es gab keine Fischbrötchen und den Skrei, den ich kaufen wollte, auch nicht. Ich begnügte mich mit Kartoffeln, Äpfeln und Brot und gönnte mir am Brotstand ein Stück Apfelkuchen vom Blech, da die beiden Kunden vor mir das auch taten und ich es für eine gute Idee hielt.

Auf dem Weg zurück zur Osterstraße kam ich an einem griechischen Restaurant vorbei. In Eimsbüttel gibt es viele griechische Restaurants. Bis gestern durften Restaurants noch bis 18 Uhr geöffnet bleiben. Seit heute sind alle geschlossen. Am Fenster stand ein Mann und sah hinaus auf die Strasse. Vermutlich der Inhaber. Sein Blick verfolgte mich den ganzen Tag. So Traurig. Besorgt. Er wurde für mich zum Sinnbild für alle, die um ihre Existenz bangen müssen. Ich nahm mir vor, einmal dort essen zu gehen, wenn das wieder möglich ist. Irgendwann.

Dann Klopapier. Im ersten Drogeriemarkt waren die Regale noch immer leer. Im zweiten auch, aber im Gang stand eine halbvolle Palette. Einräumen lohnt sich nicht. Das Klopapier sah eher rauh aus. Ich kaufte trotzdem eine Packung. Sicherheitshalber. Mein Vorrat umfasste noch vier Rollen.
Danach zum Metzger. Dort war die Maßgabe, dass immer vier Personen sich im Laden aufhalten dürfen. Ob damit Kunden gemeint waren oder auch das Personal zählt, war unklar. Ein Kunde verlies gerade den Laden, eine Schlange gab es nicht. Ich linste durch die Tür. Eine Verkäuferin winkte mich zur Theke. Zum Bezahlen schickte sie mich zum Chef.
Mein letzter Weg führte zum Fahrradladen, wo ich eigentlich einen Reparaturtermin machen wollte. Aber der Fahrradladen hat geschlossen.

Auf dem Weg nach Hause fand ich dann den Baum in voller Blüte in rosa vor einem leuchtend weißen Jugendstilhaus unter dem strahlend blauen Himmel mit den Wattewölkchen. Dieser Anblick tat einfach gut.

Wieder zuhause ging ich noch zu Edeka. Nicht wegen Klopapier, sondern für ein paar Basics. Es gab Milch, es gab schöne Bananen. Dosentomaten sind noch immer aus. Klopapier war noch da. Normales, softes Klopapier. Ich nahm eine Packung mit. Nun besitze ich 20 Rollen Klopapier und habe fast ein schlechtes Gewissen deswegen. Aber ich kann nun aushelfen, wenn einer Nachbarin oder einem Nachbarn das Klopapier ausgeht.

Am späten Nachmittag dachte ich dann darüber nach, ob es okay sei, zum Baumarkt zu fahren. Ich brauchte ein paar Regalbretter und Blumenerde für die Balkonkästen. Beides nicht zwingend jetzt notwendig. Aber werden Baumärkte nächste Woche noch geöffnet sein? Ich fuhr hin. Ein naiver Versuch. Am Eingang standen Menschen mit Einkaufswagen Schlange. Und die Schlange war ziemlich lang, nicht nur wegen der Abstände. Ich fuhr direkt wieder nach Hause. Ohne Bretter, ohne Erde. Die letzten Bücher müssen noch in ihren Kartons bleiben, die Balkonkästen müssen warten.

Außer der Schlange am Baumarkt und ein paar Kindern, die zwischen den Häusern Hockey spielten, habe ich keine Menschengruppen gesehen. Mir scheint, die Massnahmen werden ernst genommen. Allerdings war ich auch nicht an den Hotspots. Nicht an der Elbe, nicht an der Alster, nicht in der Schanze. Vielleicht sieht es dort anders aus. Ich weiß es nicht und ich will auch nicht nachsehen.

Was wird bleiben, was werden wir zurück bekommen, was werden wir verlieren? Es macht keinen Sinn, diese Fragen zu stellen.
Aber wir können vielleicht verhindern, dass es richtig schlimm wird. Indem wir uns einfach vernünftig verhalten.

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