So viel Wasser

Eine Quiddje entdeckt Hamburg

So viel Wasser Allgemein Hamburg in grau

Hamburg in grau



Mir war nach ein bisschen Bewegung an diesem ersten Neujahrstag in Hamburg. Und ich wollte ein paar Fotos machen, mit Wasser, an der Elbe. Als ich an den Landungsbrücken aus der U3 stieg, sah ich – nichts.

Jedenfalls nicht viel. Die Rickmer Rickmers und die Cap San Diego waren noch schemenhaft erkennbar. Alles was weiter draußen im Wasser lag, war völlig verschwunden. Was war geschehen? War die Welt jenseits der Elbpromenade in der Nacht durch Feuerwerk ausgelöscht worden? Gab es im Jahr 2020 tatsächlich kein Leben mehr südlich der Elbe? Ich holte mein Handy aus der Tasche um mich zu informieren, ob ich etwas wesentliches verpasst hatte. Das Display blieb schwarz.

Mit anderen Hamburgern und Touristen tastete ich mich nah am Wasser voran, auf der Suche nach Objekten, die im letzten Jahr noch existiert hatten. Irgendwann richtete ich meinen Blick stadteinwärts und hatte das Gefühl, dass dort auch nicht alles in Ordnung war, sich auch dieses grau breitmachte. Die Hochbahntrasse war noch da, die darunter verlaufende Straße mit dem merkwürdigen Namen „Vorsetzen“ auch. Vor dem Verlagsgebäude von Gruner und Jahr bog ich ab zur Michelwiese. Von dort aus konnte man sonst klar und deutlich den Michel sehen. Heute lehnte ein Selfie-Girl am Denkmal des Moai „Angelito“, ein paar Jungs hatten noch nicht mitbekommen, dass die Silvesternacht vorbei war und warfen mit Böllern um sich, aber dort wo früher Hamburgs bekannteste Hauptkirche St. Michaelis gestanden hatte, hing nun ein staubgrauer Vorhang. Was war nur los? Hatte sich Hamburg in grau gehüllt, weil die ganze Stadt um Jan Fedder trauerte?

Ich lief durch das Portugiesenviertel, wo alles recht normal wirkte, abgesehen davon, dass die meisten Lokale geschlossen hatten und stieg an den Landungsbrücken wieder in die U3, um am Jungfernstieg nach der Alster zu schauen. Unterwegs fiel mir Elphi ein. Was war aus ihr geworden? Am Baumwall stieg ich aus der Bahn und sah hinunter auf die Elbe. Die Brücke stand noch, die Hafen-Polizeiwache deutete sich vage an. Sonst war da nichts. Auch die stolze Elbphilharmonie war spurlos verschwunden. Ich wollte direkt wieder in die Bahn steigen, aber die hatte sich so rasant gefüllt, dass die Türen kaum noch zu gingen. Ich ließ sie fahren. Die Anzeige aktualisierte sich und sagte mir, dass die nächste in neun Minuten fahren würde. Skandal! Die U3 hat einen Takt von drei Minuten, an normalen Tagen.  War ich auf einer Art Zeitreise?

Am Rathausmarkt war der Weihnachtsmarkt verschwunden. Das war aber erklärlich. Weihnachten war letztes Jahr. Das Rathaus stand noch, nur dem Turm fehlte die Spitze und die Fassade war etwas heller als sonst. Richtung Alster schien die Welt in Ordnung. Die Alsterarkaden spiegelten sich klar und deutlich in der Kleinen Alster. An der Binnenalster stand auch kein Weihnachtsmarkt mehr. Die meisten Boote ruhten am Ufer. Menschen saßen unter den Heizstrahlern auf der Terrasse des Alsterpavillons. Der Weihnachtsbaum behauptete erleuchtet den Platz der Fontäne. Ein ICE rauschte über die Lombardsbrücke. Ich war erleichtert. Nicht ganz Hamburg war ausgelöscht.

Zuhause steckte ich mein Smartphone an die Steckdose. Es ließ sich wieder einschalten. Und ich fand schnell eine Erklärung. Dichter Nebel hatte schon in der Silvesternacht Teile von Hamburg verschluckt.

2 thoughts on “Hamburg in grau”

  1. Jane sagt:

    Bin ich froh, dass Hamburg noch da ist!!!!
    Toll geschrieben Maria! Ich lese weiter.

  2. Irina sagt:

    Ein wunderschönes Bild in Grau. Zauberhaftes, formverbergendes Licht, etwas unheimlich. Das ist Hamburg! Danke, Maria!

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